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Vollendet

Autor: Neil Shustermann

Genre: Jugendbuch

Verlag: Sauerländer Verlag

Preis: 16.99 € €

ab 14 Jahren

ISBN 978-3-7373-6166-8

Dystopie. Um dieses Genre kommt man zur Zeit im Jugendbuch und im All-Age-Bereich nicht mehr herum. Im Fahrwasser der Tribute von Panem hat es sich inzwischen wohl (fast) jeder Verlag auf die Fahnen geschrieben, einen solchen Titel ins Programm aufzunehmen. Es gibt sicherlich immer wieder Highlights in diesem Bereich, wie Jennifer Benkau mit dark canopy eindrucksvoll bewiesen hat. Doch überzeugen Dystopien nur, wenn eine neue Idee eingebracht wird und nicht der zighundertste Klon vorgelegt wird. Bei Sauerländer wurde nun Anfang August Vollendet herausgebracht und entgegen meiner anfänglichen Skepsis ist der Roman absolut empfehlenswert.
Nordamerika in nicht allzuferner Zukunft. Nach einem blutigen Krieg zwischen Abtreibungsgegnern und Abtreibungsbefürwortern wurde die „Charta des Lebens“ erlassen, um den Streitigkeiten ein Ende zu setzen. Abtreibungen vor der Geburt sind von nun an per Gesetz untersagt. Kinder zwischen 13 und 18 Jahren können allerdings rückwirkend „abgetrieben“ werden, wenn die Erziehungsberechtigten mit ihnen nicht zurechtkommen. Wurde diese nachträgliche Abtreibung beschlossen, lässt sie sich durch nichts rückgängig machen. Der Körper des Kindes wird zu 99,4% weiterverwendet, denn anstelle von Heilung kranker oder verletzter Körperteile wird inzwischen in der Medizin – dank der Unmengen an Organspenden – einfach transplantiert und ersetzt.

Connor, ein 16-jähriger Teenager, hat nach diversen Problemen an verschiedenen Schuleinrichtungen die Geduld seiner Eltern erschöpft. Risa wird in einem Waisenhaus groß und muss mit knapp 15 Jahren Neuankömmlingen Platz machen – für sie ist kein Platz mehr in dem vom Staat finanzierten Programm. Lev wird in einer streng religiösen Familie zum Zehntopfer erzogen und weiß schon von klein auf, dass er seinen 13.-ten Geburtstag nicht überleben wird. Für ihn ist es eine Ehre, freiwillig „umgewandelt“ zu werden. Connor, Risa und Lev sind durch einen Zufall gemeinsam auf der Flucht vor Ihrer bevorstehenden Umwandlung. Während Connor und Risa alles versuchen, um ihrem festgelegten Schicksal zu entgehen, ist Lev zunächst wenig begeistert davon, seiner heiligen Pflicht entrissen worden zu sein – und beginnt, sich von der Gruppe abzuwenden.

Jedes Kapitel ist aus der Sicht einer der drei Hauptfiguren geschrieben, allerdings (erfrischenderweise) nicht in der Ich-Perspektive. Hin und wieder kommen  Nebencharaktere zu Wort und bereichern die Handlung mit ihren Gedankengängen. Connor, Risa und Lev sind dabei äußerst glaubwürdig geraten. Jeder von Ihnen hat eigene Ängste und Weltanschauungen, die zum Teil sehr konträr ausfallen.

Die Thematik von Vollendet schockiert auf den ersten Blick, werden hier doch gleich mehrere sensible Themen, Abtreibung und Organspende, miteinander verbunden und in ihrer Extremform durchgespielt. Umwandeln heißt in Neil Shustermanns Roman nicht töten, zumindest, wenn man der Wissenschaft glauben schenken soll. Die Jugendlichen werden nicht getötet, sondern ‚vollendet‘. Sie leben weiter, nur eben nicht mehr als Ganzes, sondern in Einzelteilen, die anderen Menschen transplantiert werden. Nur wenn jeder Teil von Dir in einem anderen Körper lebt, ist das dann wirklich noch weiterleben? Was igeschieht mit einer Seele, wenn der Körper in seine Bestandteile zerlegt wurde? Und gibt es Nebenwirkungen für die neuen Träger?
Beklommen habe ich das Gedankenspiel  um die „Umwandlung“ mitverfolgt und noch Tage nach der Lektüre des Buches immer wieder darüber nachgedacht. Fiktion oder denkbare Wirklichkeit? Vollendet regt zur Beschäftigung mit kritischen Fragen an, macht nachdenklich. Nur die Altersempfehlung würde ich auf 16 Jahre hochsetzen. Gerade am Ende des Romans gibt es eine Szene, in der solch eine Umwandlung detailliert geschildert wird, was zumindest mich sehr mitgenommen hat. [Mercedes]

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