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Vertraute Fremde

Autor: Jiro Taniguchi

Genre: Comic und Graphic Novel

Verlag: Carlsen Verlag

Preis: 19.90 € €

ISBN 978-3-551-77779-9

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Hiroshi Nakahara ist ein erfolgreicher Ingenieur, mit dessen Ehe es nicht zum Besten steht. Er ist dem Alkohol gewogener, als es ihm gut tut. Nach einer Geschäftsreise steigt er verkatert in den falschen Zug, dessen Endstation ausgerechnet seine Geburtsstadt ist. Dort war er seit Jahrzehnten nicht mehr und so beschließt er, dem Grab seiner Mutter einen Besuch abzustatten. Auf dem Friedhof fällt Nakahara in eine Art Ohnmacht. Wenig später erwacht er zwar wieder, allerdings in seinem Körper als 14-Jähriger! Notgedrungen nimmt er sein damaliges Leben wieder auf und integriert sich in den längst vergessenen Alltag. Den Wissenstand des Erwachsenen hat er dabei stets gegenwärtig. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt Nakahara, seine zweite Jugend zu genießen. Doch er fängt an, andere Entscheidungen zu treffen, als er dies in der Vergangenheit tat. Wird sich das auf die Gegenwart, wie er sie kennt auswirken, falls er jemals wieder dorthin zurückkommen sollte? Gab es diese Gegenwart überhaupt jemals? Oder hat er nur geträumt, Erwachsen geworden zu sein? Allen Zweifeln zum Trotz bietet sich ihm eine einzigartige Gelegenheit: Er möchte herausfinden, warum sein Vater die Familie im Sommer 1963 ohne Ankündigung verließ, obwohl damals – aus Hiroshis Sicht – alle glücklich zusammenlebten. Und einmal darauf aufmerksam geworden, mehren sich die Anzeichen dafür, dass seine Mutter schon vor dem Verschwinden des Vaters etwas ahnte.

‚Vertraute Fremde‘ wurde in seinem Erscheinungsjahr zu Recht mit der Auszeichnung „Comic des Jahres“ bedacht. Jiro Taniguchi gelingt es, den Leser nach wenigen Seiten in den Sog seiner Geschichte zu ziehen. Dabei zeichnet sich die Graphic Novel durch einen sehr ruhigen Erzählstil aus. Auf Effekthascherei wird konsequent verzichtet. Man weiß als Leser zunächst nicht, ob Nakahara wirklich in der Vergangenheit gelandet ist. Er durchlebt einen Teil seines Lebens noch einmal und lernt dabei Wertschätzung für Dinge, die ihm bis dahin selbstverständlich erschienen oder die er vergessen hatte. Sein Leben nimmt einen neuen Verlauf, bleibt aber dennoch auf versöhnliche Weise gleich. Und während man als Leser viel über den damaligen Alltag in Japan erfährt und die ausdrucksstarken, detailverliebten Zeichnungen auf sich wirken lässt, beginnt man unweigerlich selber darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten einem das Leben noch bieten mag. Nutze ich meine Chancen? Habe ich meine Ziele so gesteckt, dass sie mich in Zukunft glücklich machen werden? Die Realitätsnähe der Figuren macht es leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Und gleichzeitig lässt einen das Rätsel um Nakaharas Familiengeheimnis nicht mehr los. [Mercedes + Britta]

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