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Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Autor: Carol Rifka Brunt

Genre: Belletristik

Verlag: Eisele Verlag

ISBN 978-3-96161-007-5

Finn ist Künstler. Ein Ausnahmetalent. Zudem ist er jedoch auch ein gebildeter junger Mann, weltgewandt, aufmerksam. Ein freundlicher Optimist, der es sich aufgrund seines dezent gehandhabten wirtschaftlichen Erfolges leisten kann, die guten Dinge auszukosten – und jene voller Enthusiasmus seiner Nichte June näher zu bringen. Und ist es nicht nachgerade seine Pflicht als guter Patenonkel, dies zu tun? Konzertbesuche, Museen, Mittelaltermärkte, Kirchen, Ausstellungen, Restaurants und Kinos… nichts ist vor der Begeisterung des lebenshungrigen Pärchens sicher. Bis Junes Mutter auf einmal darauf besteht, dass sie ihren Onkel nur noch für die Sitzungen aufsuchen soll, in denen jener ein Porträt von June und deren älterer Schwester malen möchte. Sein Abschiedsgeschenk. Denn Finn hat Aids. Eine Diagnose, die im Amerika der Achtzigerjahre auf Unkenntnis und Vorurteile trifft. Ein Tabuthema, das die Decke des Schweigens über die Familie legt.

June ist eigentlich ein typischer Teenager. Freundlich und etwas introvertiert, nicht gänzlich mit ihren Interessen in die verschiedenen Gruppierungen ihrer Klasse passend. Ihre Anhänglichkeit an Finn als ungewöhnlich gebildetes Vorbild unterstreicht das noch und führt zu spöttischen Gerüchten. Ihre ältere Schwester derweil hat sich von ihr entfremdet und hängt tief in Schwierigkeiten, von denen selbst die Eltern nichts wissen. So kommt es, dass die fünfzehnjährige June den unweigerlich eintretenden Abschied, ihre Trauer um den für sie alles umfassenden Verlust, alleine aufarbeiten muss. Eine Aufgabe, an der sie nahezu zerbricht. Bis jemand auftaucht, der behauptet, Finn noch besser gekannt zu haben, als sie es tat. Aber das ist unmöglich, nicht wahr? Und überhaupt, Finn hätte ihr von so jemandem doch erzählt gehabt, es gab doch keine Geheimnisse zwischen ihnen!

Im Zentrum stehen die heranwachsende Frau mit ihren Zweifeln und Unsicherheiten, der tragische Künstler, sein unbekannter Freund… und das Porträt. Anhand der immer weniger werdenden Sitzungen und der Feinheiten, die aus dem Bild herausgearbeitet werden, entwickelt sich auch für den Leser das Gesamtbild. Eine fiktive Biographie, die von Liebe inmitten unüberwindlicher Hindernisse spricht. Von unterschiedlichen Arten von Liebe – die doch immer wieder in dieser einen münden, bei der ein Mensch im Zentrum steht, den man beschützen und dem man alles Glück der Erde zu Füßen legen möchte. Weil man seine Seele gesehen hat!

Die Geschichte ist in einem ruhigen und unaufgeregten Stil geschrieben. Eine langsame Erzählung, zugleich auch ein Zeitfenster in eine andere Ära. Und doch gleicht sie einem Strudel, der einen mitnimmt und sanft auf der Oberfläche trägt, während er einen ins Zentrum zieht. Wo der Spannungsbogen einen dann nicht mehr freigibt, ehe man auch die letzte Seite gelesen und die Nähe zum Wasser akzeptiert hat. Die Figuren rühren einen an, denn selbst ihre unverständlichen Entscheidungen offenbaren das, was sie bewegt und überbrücken damit die Distanz zum Leser. Sie kommen einem sehr nahe. Bis man sich wünscht, dass man sie in den Arm nehmen könnte. ‚Sag den Wölfen, ich bin zu Hause’ ist eines jener Bücher, die herausragen aus dem literarischen Einerlei und deren Figuren sich in den eigenen Gedanken einnisten, um einen nie wieder loszulassen. [Britta]

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