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Miss Gladys und ihr Astronaut

Autor: David M. Barnett

Genre: Belletristik

Verlag: Ullstein Verlag

ISBN 978-3-548-28954-0

Thomas Major wird im Grunde durch einen dummen Zwischenfall, kurz vor einer großen Live-Pressekonferenz, zum Astronauten der britischen Space-Agency. Und er bleibt es, trotz einer absolut ganz und gar nicht pressetauglichen Griesgrämigkeit. Denn diesen Schlamassel aufzuklären und damit die weltweit hervorragenden Social-Media-Quoten zu untergraben, kommt nicht in Frage. Dann lieber flott einige Fitness-Tests und den einen oder anderen Trip nach Russland einschieben, damit „Major Tom“ da oben klarkommt – und ihn dann hochschießen. Das Sammelsurium veralteter Secondhand-Technik, mit der er auf diese Oneway-Mission geschickt wird, passt da doch gut dazu. Dass der Funkkontakt kurz darauf gestört ist und Thomas auf ein archaisches Telefon zurück greifen, um sich über die Telefonsatelitten-Verbindungen zur Erde einzuwählen, kommt ihm ganz recht. Wenigstens nicht mehr über den visuellen Kanal das Kontrollzentrum mit den Anzugschnöseln ertragen. Und wo er schon mal dabei ist… vielleicht sollte er schauen, ob die Nummer seiner Ex noch stimmt?

Während dessen bahnt sich an anderer Stelle auf der Erde, in einer kleinen vom Pech verfolgten Familie, eine Katastrophe an: Die minderjährige Ellies bestreitet heimlich neben der Schule gleich drei Jobs, um ihren jüngeren Bruder und ihre Großmutter zu versorgen. Illegal. Offiziell kümmert sich Gladys um die Kinder. Inoffiziell jedoch leidet diese an Alzheimer. Niemand darf davon erfahren, denn sonst würde das Amt kommen und sie holen und auseinanderreißen, da sind sie sich sicher. Was auch zur Folge hat, dass Ellie und James das immer bedrohlicher werdende Mobben seiner Mitschüler niemandem anvertrauen können. Und dann gibt es noch die geheimen Briefe, die Gladys in ihrer Schublade versteckt. Als sie etwas gegen diese lästige Korrespondenz unternehmen will und auf eigene Faust das Haus verlässt, löst sie damit eine Kettenreaktion aus, die sich immer dramatischer ausweitet. Aber was wissen diese Kinder heutzutage schon, die ihr nichts mehr zutrauen? Früher hatte sie immer auf eigenen Füßen gestanden und Dinge erledigt! Wenn sie sich nur erinnern könnte, wie noch mal der Weg nach Hause war? Aber da gab es ja die automatische Rufnummernspeicherung in ihrem Notfallhandy, die ihr auch Leute anzeigt, die zuvor einmal sie angerufen hatten. Der Astronaut zum Beispiel, von dem sie Ellie erzählt hatte, an den diese aber nicht glaubte. Der würde doch bestimmt mit einem besonders tollen Fernrohr auf sie hinab sehen und sie nach Hause lotsen können, nicht wahr?

‚Miss Gladys und ihr Astronaut’ ist ein geschmeidig lesbarer Roman, der mit unerwartetem Tiefgang in den Figuren punktet. Im Kern geht es um verletzte Seelen, die außerhalb der Gesellschaft stehen und nicht gänzlich ohne Hilfe Kontakt zu dieser finden können. Der Umgang mit Mobbing, ebenso wie jener mit der Krankheit des massiven Gedächtnisverlusts im Alter, wird gezeigt. Über all dem schwebt die Zuneigung des Autors, zum Guten in uns allen. Ein tiefgreifendes Verständnis von Schwäche oder auch nur vermeintlicher Schwäche. Die Aussage, die sich einem beim Lesen eingräbt, lautet: Ganz gleich, wie schlimm es kommt, solange man sein Herz nicht völlig zubetoniert, sondern für die gereichte Hand eines Fremden offen bleibt, sie im Notfall ergreift, solange gibt es auch berechtigte Hoffnung darauf, dass es wieder besser wird. Oder zumindest erträglicher.

Eine absolute Leseempfehlung für jeden, den auch Geschichten wie ‚Ein Mann namens Ove’ bereits rührten. [Britta]

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