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Manetti lesen oder Vom guten Leben

Autor: P. M.

Genre: Belletristik

Verlag: Edition Nautilus

Preis: 22 € €

ISBN 978-3-89401-761-3

Hier geht es zur Leseprobe.

Es gibt Bücher, bei denen es fast schon als Sakrileg gilt, wenn man sie noch nicht gelesen hat. Und es gibt Bücher, über die zwar jeder redet, die jedoch in den seltensten Fällen auch wirklich von den unzähligen Kritikern gelesen wurden. Eine Symbiose dieser beiden Seiten stellt der wunderschöne Schuber mit den 12 Bänden des Roberto Manetti dar. Alles, was man als Noch-Nichtleser über „den Manetti“ erfährt, lässt ein fast mystisches Bild entstehen. Der Manetti birgt eindeutig die Weltformel, auf den Leser zugeschnitten, allumfassend. Diese erschließt sich jedoch nur demjenigen Leser, der sich darauf einlässt, der den Manetti in fast sakraler Andacht und unter individuellen Umständen, abseits des Alltags zelebriert.

Paul Meier, introvertierter Philosoph, wohnhaft in Zürich, hat einmal zu oft in Gesprächen zu hören bekommen, dass er diese oder jene Frage nicht mehr stellen würde, wenn er „Manetti gelesen hätte“. Er entschließt sich, seiner vorgeworfenen Bildungslücke entgegenzutreten und dieses Versäumnis nachzuholen. Jedoch möchte er mit seiner Lektüre erst dann beginnen, wenn er sich zuvor grundsätzlich über den Leumund des verstorbenen Autors und den Ruf seines Werkes in der Presse informiert hat. Doch dabei stößt er unversehens auf ein schleichendes Phänomen: Manetti-Leser, die sich dessen Notizen ein zweites Mal zu Gemüte führen, scheinen reihenweise zu verschwinden! Erst traut er sich kaum, dieser gewagten These eine Existenzberechtigung zuzugestehen, doch schnell entwickelt sich seine anfangs harmlose Recherche zu einem Abenteuer, welches ihn von Schottland, über Berlin, nach Paris, sowie in andere Kontinente führt. Und während ihm diverse Polizeiapparate ermittelnd auf die Spur kommen, nähert er sich den Aussagen des geheimnisvollen Schubers durch Ausschlussverfahren, Diskussionen, Deduktionen und geheimnisvollen Hinweisen Unbekannter an. Denn den Manetti selber zu lesen, hieße ja auch, sich der Gefahr auszusetzen, ebenfalls zu verschwinden. Oder genügt dazu womöglich schon die Beschäftigung mit ihm?

Der fiktive Schuber des fiktiven Autors in dieser Geschichte entwickelt auch für den tatsächlichen Leser einen hypnotischen Sog und es ist ganz sicher gewollt, dass man die Gedankengänge der distanziert-skeptischen Hauptfigur in sich gespiegelt findet. Die Spannung der Handlung täuscht gekonnt darüber hinweg, dass man geradezu dazu gezwungen wird, sich auf hohem Niveau mit Themen zu beschäftigen, derer man in den meisten Fällen bereits überdrüssig ist: Öko-Bilanz, Kapitalismus, Sozialismus, fleischfreie Ernährung, Kunst und Kultur als Luxus, Urban-Gardening, Amerika als Weltpolizist, China als kommende und gehende Wirtschaftsmacht, Philosophie als treibende Kraft, die Kommunenbewegungen als gescheiterter Versuch, Politikverdrossenheit und Elitedenken… und immer wieder der drohende Zusammenbruch eines Systems, welches auf grenzenloses Wachstum ausgelegt war. Der Manetti schneidet nahezu jedes gesellschaftspolitisch bedeutungsvolle Thema der letzten Jahrzehnte an und führt es theoretisch weiter, gerne mit Bezügen zu bekannten Schriftstellern, Politikern, Statistikern. Und auch, wenn der Ausgangspunkt der Abenteuer des Paul Meier in Zürich liegt und die Gedankenschleifen immer wieder dorthin zurück führen, was ein gewisses Lokalkolorit auslöst, liest die Geschichte insgesamt sich – nicht ohne Grund – sehr global.

Ein außergewöhnliches Buch, bei dem man nicht einmal genau sagen kann, welchem Genre man es zuordnen  würde (gesellschaftskritische Belletristik? Abenteuerroman? Phantastik ohne phantastische Elemente?) oder welchem Leserkreis man es empfehlen könnte. Die Lektüre braucht auf jeden Fall auch in der Realität etwas mehr Zeit, als man es bei anderen Büchern gewohnt sein mag, da man ständig gedanklich in Detailbetrachtungen hineinzoomt, nur um sofort darauf wieder einen Schritt zurück zu tun, um das Gesamtbild zu sehen und den vorigen Gedanken in das große Ganze einzuordnen – oder ihn zu relativieren. Mir hat das Lesen des Manetti auf jeden Fall Spaß gemacht. [Britta]

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