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Lieber Mr. Salinger

Autor: Joanna Rakoff

Genre: Belletristik

Verlag: Knaus

Preis: 19.99 € €

ISBN 978-3-8135-0515-3

Joanna liebt Literatur, am liebsten würde sie selber Gedichte veröffentlichen. Da wäre es doch am schlauesten, sich eine Anstellung direkt in der Verlagsbranche zu suchen, denkt sie sich. Sozusagen mit Blick auf die Startlinie und der realen Möglichkeit, hilfreiche Kontakte zu knüpfen. Gesagt, getan.

Doch schnell wird ihr klar, dass sie sich mit dieser speziellen Agentur vielleicht keinen Gefallen getan hat. Die Firma, die wie es scheint hauptsächlich die Fanpost ihres einen bedeutsamen Alt-Schriftstellers verwaltet und gar nicht so furchtbar viel für frisches Blut in den Reihen ihrer Autoren unternimmt, arbeitet wie mit Methoden aus dem Mittelalter. Computer? Fehlanzeige! Das Zeitalter der Technik wird von Seiten der Chefetage verteufelt. Und dann gab ihr die neue Chefin ja auch noch unmissverständlich zu verstehen, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als ehrgeizige Jungautoren, die sich hoffnungsvoll überall einzuschleichen versuchten! Und wie gut es sei, dass Joanna anders wäre!

Die autobiographische Erzählung einer jungen Frau, die zwischen hohen Papierstapeln, düsteren Möbeln und einer fast greifbar im Raum hängenden Sehnsucht nach der guten alten Zeit nach dem eigenen Weg sucht, liest sich leicht und doch gleichzeitig drängend. Man versteht Joannas ständige Versuche nur zu gut, die angenommene Assistenzstelle zu beschönigen, um weder die Erwartungen der Eltern zu enttäuschen, noch sich selber einzugestehen, vielleicht in einer beruflichen Sackgasse gelandet zu sein. Sie arbeitet gewissenhaft und verlangt sich selbst viel ab. Ihre anfängliche Hauptaufgabe, nämlich die Fanpost des Mr Salinger, wie von diesem gewünscht, abzufangen und sie lediglich mit dem immer selben Standardschreiben zu beantworten, rückt in ihren inneren Fokus. Sie liest seine Bücher und fühlt sich überraschenderweise von diesem Fremden verstanden! Joanna beginnt einen gedanklichen Dialog mit dem Autor, versetzt sich in seine Lage… und dann kommt der Tag, an dem die Versuchung groß wird, in seinem Namen auf die Anschreiben seiner Fans zu antworten. Denn hätte Mr Salinger nicht ganz gewiss Dieses oder Jenes geantwortet, wenn er von den Fragen wüsste?

‚Lieber Mr. Salinger’ ist eines der Bücher, die einen nach dem Lesen mit dieser leicht verwirrten Abwesenheit zurücklassen, dem undefinierbaren Gefühl, mit dem Zuschlagen der letzten Seite auch eine ganze Welt wieder zu verlassen, auf die man lediglich einen Blick erhaschen durfte. Joanna erlebt das New York des Umbruchs, eine hektische Weltstadt, ein wirtschaftlicher Gigant auf den ersten Schritten ins Reich der Datenhighways, die Stadt der hoffnungslos überteuerten Mieten und Lebensmittel, in der es sich trotzdem niemand nehmen lässt, in den Nächten auf den Dächern zu tanzen. Wo eine Visitenkarte mehr bedeutet, als eine sättigende Mahlzeit. Wo Hoffnungen hoch fliegen und die Hoffnungslosen sich ihre Niederlage selbst auf dem Asphalt nicht eingestehen. Es ist eine rücksichtslose Welt. Doch Joanna findet ihren Platz darin und behauptet sich, obwohl sie eine so zierliche Person ist.

Das Mitfiebern und die Erwartungen, die die Geschichte weckt, machen es vergnüglich, sich im Flair des Buches fallen zu lassen – so wie es einen anschließend mit Zufriedenheit erfüllt, wieder daraus aufzutauchen und das eigene Leben deutlich entspannter vorzufinden. [Britta]

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