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Im Hause Longbourn

Autor: Jo Baker

Genre: Belletristik und Historischer Roman

Verlag: Knaus

Preis: 19,99 € €

ISBN 978-3-8135-0616-7

Jane Austens Klassiker Stolz und Vorurteil, die bewegende Liebesgeschichte zwischen der lebenslustigen, intelligenten aber vorurteilsbehafteten Elizabeth Bennet und dem gestrengen, verschlossenen aber dennoch gutherzigen Mr Darcy… wer kennt sie nicht! Viele Schreiberlinge haben sich an Neuerzählungen des Stoffes versucht, nicht zuletzt mit so gewagten Titeln wie Stolz und Vorurteil und Zombies – und sind gescheitert. Bis jetzt!

Der Roman Im Hause Longbourn bedient sich der vorgegebenen Figuren und Eckdaten, flicht sie aber in eine völlig neue Rahmenhandlung ein. Wo im Originaltext lediglich in einer Zeile nebensächlich von dem ‚Hausdiener‘ die Rede ist, der die Gäste ins Zimmer führt, da lernt der Leser nun James kennen; einen jungen Mann, dessen Neueinstellung im Dienstbotentrakt für ziemliche Aufregung sorgt. Wenn in Stolz und Vorurteil die Bennet-Schwestern kurz vor dem Ball feststellen, dass ihnen noch Schuhrosen als dekoratives Sahnehäubchen zu den neuen Kleidern fehlen, so ist es hier Sarah, das ambitionierte Hausmädchen, die durch Matsch und strömendem Regen ins Dorf laufen muss, um das Gewünschte zu holen. In einer Welt, in der Dienstboten keinerlei Persönlichkeit und eigene Meinung zugestanden werden, wo selbst in einem so menschlichen Haushalt wie dem der Bennets von den dienstbaren Geistern völlig selbstverständlich ein durchgängiges Funktionieren eingefordert wird, da wundert es nicht, wenn der Leser erst in dieser neuen Perspektive davon erfährt, dass Sarah im Anschluss an diesen Botengang einige Tage mit hohem Fieber ausfällt. War es Absicht, dass Elizabeth eine wichtige Anfrage, die ‚Im Hause Longbourn‘ seitens eines Angestellten an sie gerichtet wurde, nicht weitergab?

Jo Baker gelingt mit ihrem Roman ein Drahtseilakt. Im Hause Longbourn ist ein eigenständiges Stück Literatur, dem es sowohl glückt, die Atmosphäre des Originals einzufangen, als auch etwas Neues zu kreieren. Beim Lesen entstehen die vertrauten Bilder vor dem inneren Auge und entführen von Longbourn bis in das prachtvolle Pemberley. Gleichzeitig tauchen neue Silhouetten am Rande des Blickfelds auf und verfestigen sich zu vielschichtigen Charakteren. Diesen Roman zu lesen ist ein bisschen, als wenn der Rahmen eines Gemäldes gerade gerückt wird, das man schon tausend Mal gesehen hat. Die Bennets leben nicht mehr nur in ihrem beengten sozialen Gefüge auf dem Lande, nein, Onkel und Tante kommen aus London, dem dreckigen Moloch von Großstadt – der plötzlich sehr real wird, wenn sich deren Angestellte mit den dortigen Widrigkeiten herumschlagen müssen; die im Originaltext als weiß beschriebenen Stufen zur Eingangstür des Stadthauses sind nicht von selbst so blütenrein, wenn nur Schritte entfernt das schwärzeste Elend herrscht, durch das auch Besucher hoch erhobenen Blickes erst einmal hindurch müssen. Und wo während der Saison in Merryton ein Regiment mit stattlichen Mannsbildern in Uniformen stationiert wird, über die Lyddie und Kitty aus dem Häuschen geraten können, da ist der Gedanke an die ständigen Scharmützel und blutigen Gräueltaten einer Kolonial- und Seemacht, wie Großbritannien es zu dieser Zeit war, eigentlich nicht weit… um nicht zu sagen sehr naheliegend!

Die Charaktere sind liebevoll und detailreich gezeichnet, so dass sie einem ans Herz wachsen. Die eingestreuten Rückblenden und die wechselnden Perspektiven machen die zweigleisige Handlung zu einem abwechslungsreichen Lesevergnügen. Lediglich die relativ lange Rückblende zur Vergangenheit des Hausdieners, sticht in ihrer brutalen Intensität unangenehm heraus. Allerdings auch hier gilt: stimmig eingefügt! Im Hause Longbourn ist eine absolute Leseempfehlung für jeden Jane Austen-Fan und verführt nachgerade dazu, beide Bücher noch einmal zur Hand zu nehmen – um sie parallel zu lesen! [Britta]

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