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H wie Habicht

Autor: Helen Macdonald

Genre: Belletristik und Biographie

Verlag: Allegria

Preis: 12 € €

ISBN 978-3-548-37672-1

Ein 7-jähriges Mädchen… abenteuerliche Einzelgängerin, lauernde Spionin im Gebüsch, stets an anderen Dingen interessiert, als die übrigen Kinder in ihrem Alter. Während der Schulzeit ist sie gedanklich in den snobistischen Rauchersalons voriger Jahrhunderte zu Hause. Während andere Mädchen sich Puppen wünschen, sammelt sie bereits Fachliteratur aus Bibliotheken und Antiquariaten zusammen, nur das eine Ziel vor Augen: Falknerin zu werden!

Jahre später ist sie eine der wenigen Frauen in dieser Männerdomäne, fachsimpelt mit ihnen gemeinsam und richtet hobbymäßig erfolgreich edlere Greifvögel ab. Doch zugleich spannt ihr Lehramt an der Universität sie beruflich stark ein. Helen funktioniert innerhalb der Verpflichtungen, gibt das Bild einer strebsamen jungen Frau ab. Bis zu dem Tag, als sie den Anruf ihrer Mutter erhält.

Mit dem Tod ihres Vaters bricht eine Welt in ihr zusammen. Dieser Zusammenbruch ist so umfassend, dass selbst gute Freunde davon nur die Spitze des Eisberges zu Gesicht bekommen. Die Trauer hält sie fest in den Krallen gepackt und reißt sie in einen lautlosen Sturzflug mit sich. Jeder scheinbare Fortschritt wird fast sofort wieder durch einen Rückfall zunichte gemacht und es gibt nichts, was dagegen ankommt. Außer diesem einen Impuls vielleicht?
Helen spürt, dass die frühkindliche Faszination für den widerspenstigsten aller Greifvögel, dem als unedel und blutdurstig verschrienen Habicht, sich noch immer tief in ihr regt. Das Bedürfnis, diese Faszination näher zu untersuchen, wird immer stärker, so stark, dass sie es als Sog von unerklärlicher, fast schicksalhafter Macht beschreibt. Es ist inzwischen die einzige Emotion, die sie noch als echt empfinden kann. Und so greift sie nach diesem letzten Strohhalm, der sie mit der Realität ihrer Mitmenschen verbindet.

‚H wie Habicht’ ist eine spannende Mischung aus naturverbundenem Abenteuerroman, intensiver Autobiographie, spezialisiertem Fachbuch der Vogelkunde, unterhaltsamem Geschichtsbuch und nahegehendem Ratgeber zur Trauerbewältigung. Die Ereignisse rund um die Autorin selber erzählt sie in Vor- und Rückblenden, die thematisch um die Erinnerungen an ihren Vater angesiedelt sind. Unterbrochen werden diese Passagen in schöner Regelmäßigkeit von der parallel erzählten Biographie Terence H. Whites – all jenen ein Begriff, die seine Meisterwerke ‚Der König auf Camelot’, ‚Das Schwert im Stein’ oder ‚Das Buch Merlin’ gelesen haben. Die Verzahnung dieser beiden Erzählebenen ergibt sich mit meisterlicher Leichtigkeit aus den beschriebenen Erlebnissen heraus, denn Helen begibt sich auf die gleiche Reise wie dieser; dem Abtragen eines Habichts!

Meine Meinung zu diesem Buch steht fest und ist unverrückbar: Es ist mein bestes Buch des Jahres 2015! Sollte man keine Zeit zum Lesen finden können und sich für eines entscheiden müssen, so würde ich bedenkenlos zu diesem raten.
Aufgrund der immer wieder leicht ins Theoretische abdriftenden Passagen über geschichtliche Hintergründe, sollte der Leser im besten Falle vielleicht eine gewisse Grundruhe mitbringen. Davon abgesehen aber dürfte der ‚Habicht’ Männer und Frauen gleichermaßen ansprechen, ist angenehm lesbar und verkörpert das Ideal der Guten Literatur im besten Sinne. [Britta]

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