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Girl on the Train

Autor: Paula Hawkins

Genre: Krimi und Thriller

Verlag: blanvalet Verlag

Preis: 12.99 € €

ISBN 978-3-7645-0522-6

Rachel ist eine der unzähligen Pendlerinnen, die morgens im Zug nach London dösend aus dem Fenster schauen und die es abends kaum erwarten können, in ihr friedliches Vororthäuschen heimzukehren.

Zumindest war sie das bis vor wenigen Monaten noch. Bevor sie in drückender Depression versank. Bevor sie die Kontrolle über ihr Alkoholproblem verlor. Bevor ihre Ehe daran zerbrach. Und bevor sie wegen einer unentschuldbaren Entgleisung in trunkenem Zustand von ihrem Arbeitgeber gefeuert wurde. In dem Bemühen, zumindest den letzten Umstand vor der hilfsbereiten Freundin zu verheimlichen, bei der sie zur Miete unterkam, macht sie sich jeden Morgen wieder auf den Weg „zur Arbeit“, Witterung, Katerkopfschmerz und den immer häufiger auftretenden Blackouts zum Trotz. Eigentlich müsste sie sich gedanklich eher damit beschäftigen, dass ihre finanziellen Reserven so eine kostspielige Fassade nicht mehr lange aufrechterhalten werden. Stattdessen gibt sie sich den Tagträumen über das perfekte Ehepaar hin, welches sie allmorgendlich vom Zug aus auf deren hinterer Veranda sehen kann. Dieses Pärchen, so denkt sie, würde gewiss nichts auf der Welt trennen können, solch eine innige Verbundenheit und Fürsorge, wie sie sie füreinander ausstrahlen.
Und dann kommt der Morgen, als Rachel die junge Ehefrau vom Zugfenster aus bei einem Kuss mit einem Fremden beobachtet. Einem so zärtlichen Kuss, dass er nur dem abwesenden Ehemann zugestanden hätte. Die Enttäuschung ist groß, wiegt wie ein persönlicher Verrat und lässt Rachel nicht mehr los. Als sie sich am Abend auf den Weg macht, um die untreue Gattin zur Rede zu stellen, hat Rachel viel zu viel intus, um noch klar zu denken. Der nächste bewusste Moment konfrontiert sie mit allem, was den Tiefpunkt einer Säuferkarriere auszeichnet: Sie findet sich in besudelten Kleidern wieder, schmutzig und blutend mit der vagen Erinnerung daran, dass sie torkelnd gestürzt ist. In ihrem Kopf Schmerzen. Und eine Gedächtnislücke von mehreren Stunden. Exakt den Zeitraum betreffend, in dem die blonde Frau aus dem Haus an der Bahnstrecke verschwand. Die Medien wittern fette Beute und die Suche nach der Vermissten wird zu einem Spektakel, inmitten dessen Rachel sich eingesteht, dass es vielleicht schlauer wäre, Kontakt zur Polizei aufzunehmen. Oder etwa doch nicht?

‚Girl on the Train’ ist die fesselnd geschriebene Geschichte einer Frau, deren Leben aufgrund von Emotionen und ungünstigen Umständen zu einer Tragödie wurde. Und die noch einmal an einem massiven Wendepunkt anlangt. Die Hauptfigur steht vor der Wahl, um ihre Restwürde zu kämpfen oder sich gänzlich aufzugeben. Und dieses Ringen ist so glaubhaft beschrieben, dass sie mit keiner der vielen Heldinnen aktueller Romane zu vergleichen ist. Rachel ist eine unzuverlässige Erzählerin. Die sprunghafte Verschwommenheit ihrer Erinnerungen frustriert den Leser in gleichem Maße, wie sie selbst. Die innere Logik ihrer unklugen Entscheidungen erschließt sich so selbstverständlich, dass man gezwungen ist, mit ihr zu fühlen. Um so zwiegespaltener empfindet man die Widersprüche, die sich mit dem Voranschreiten der Handlung auftun. Und man beginnt zu ahnen, dass Rachel einem gefährlichen Pfad folgt und dass es keinesfalls sicher ist, ob die Geschichte ein gutes Ende nehmen wird.

Hawkins Roman ist absolut empfehlenswert! Die Hauptfigur bleibt schlüssig in ihren Motiven und Handlungen, während sich die verworrenen Indizien gleichzeitig zu Vermutungen steigern und Raum für Überraschungen lassen. [Britta]

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