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Die Schneiderin des Nebels

Autoren: Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Genre: Bilderbuch

Verlag: mixtvision Verlag

ab 4 Jahren

ISBN 978-3-95854-130-6

Rosa ist ein Mädchen mit einem besonderen Talent. Sie kann den Nebel vom morgendlichen Flussufer sanft einfangen und aus ihm hauchzarte Stoffe weben. Die Menschen in ihrem Land können gar nicht genug von ihren Nebelschleiern bekommen, weil sie mit ihnen alles abdecken und einhüllen können, was sie nicht mehr sehen mögen: Falten in ihrem Gesicht zum Beispiel, oder andere Menschen die sie geärgert haben. Auch Rosa hat etwas unter Nebelstoff versteckt, an das sie nicht gerne denkt. Ausgerechnet da kommt aber ein Brief, der sie aus ihrem Vergessen wach schüttelt. Ihr Vater schreibt ihr und sie beginnt, sich an ihn zu erinnern. Und plötzlich leuchtet da etwas hell und warm unter dem Nebel und lässt sich nicht mehr verstecken.

Die Schneiderin des Nebels’ ist ein kunstvolles Bilderbuch, das sehr sparsam mit Motiven arbeitet. Die meisten Seiten werden durch angedeutete Gerüste, schmale Stege und wacklige Leitern gefüllt, durch Fadengespinste, die im Wind wehen oder sich im ruhigen Raum zwischen den wenigen Worten zusammenfinden. Die Hauptfigur ist ein schmales Mädchen mit gelber Pluderhose, brav geschnittenem, kinnlangem Haar und scheuem Blick. Das Farbspektrum des Buches konzentriert sich zu Beginn der Geschichte ganz klar auf Grauschattierungen und Bleistiftzeichnungen, in denen das Mädchen sich als einziger Farbfleck ruhig und vorsichtig bewegt, völlig auf sich selbst konzentriert. Der Wandel in ihren Gedanken, hin zu einem Sich-Öffnen für einen neuen Weg in ihrer Welt, erlebt der Leser deutlich durch das Aufleuchten der Farbe auf den Seiten. Hell und warm beginnt das gelb zu strahlen, bis es fast golden wirkt und nicht nur die Seiten des Buches ausfüllt, sondern auch das Herz des Lesers. Einen besonderen Charme vermitteln obendrein die immer wieder eingefügten Blätter aus mattem Transparentpapier, auf denen Teile der Geschichte aufgezeichnet sind, so dass sich beim Umblättern immer mehr herauskristallisiert, was zuvor durch ablenkende Motive verdeckt war. Besonders schön erlebt man diesen Effekt, als Rosa ihre Erinnerungen an den Vater zulässt. Die schönen, ebenso wie die traurigen.

Dieses Bilderbuch gehört zu jenen, die man einmal zur Hand genommen nur noch streicheln und jedem ans Herz legen möchte. Wo Kinder mit dem Mädchen Rosa vermutlich vor allem eine Gleichgesinnte kennenlernen, die die Trennung von ihrem Vater schmerzlich erlebt hat und doch einen heilenden Neubeginn zulässt, werden Erwachsene vielleicht eher die Metapher des Nebelstoffes in ihren Alltag hinübernehmen, das Erkennen von Dingen, die uns „einen Blick auf Wesentliche“ versperren mögen, wie der Klappentext es so schön formuliert.

Durch den stark philosophischen Ansatz und die zarte Aufmachung des Materials, fällt dieses Kleinod von einem Bilderbuch gefühlt eher in die Kategorie des kostbaren Geschenkbuches. Was aber natürlich auch täuschen kann. Denn wünschen könnte man es natürlich jedem Kind, so etwas Schönes sein Eigen nennen zu dürfen. [Britta]

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