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Die Ladenhüterin

Autor: Sayaka Murata

Genre: Belletristik

Verlag: Aufbau Verlag

Preis: 18 €

ISBN 978-3-351-03703-1

Manche Menschen sind anders. Gesellschaftliche Regeln, Emotionen, andere Menschen… das alles scheinen für sie Herausforderungen, wenn nicht sogar unüberwindliche Hindernisse zu einem erträglichen Alltag darzustellen.

Keiko Furukura ist ein solcher Mensch. Schon als Kind schockierte ihr Verhalten Erwachsene und Mitschüler gleichermaßen. Das, was sie als ehrlich und logisch empfand, widersprach den auf Harmonie ausgelegten Regeln. Der Kummer ihrer Eltern wuchs. Bis Keiko einen Entschluss traf. Logisch und emotionslos wie üblich. Sie würde ihre Ansichten von nun an für sich behalten und nur noch in gesellschaftskonformen Normen agieren. Ihre Schwester gab Keiko, auf deren Bitte hin, gute Standardantworten für immer wiederkehrende Gesprächsthemen vor. Es wurde ruhiger um sie. Friedlich. Dann, eines schönen Tages, eröffnete ein so genannter Konbini auf ihrer Uni-Strecke, ein 24-stündig geöffneter Supermarkt. Einer spontanen Eingebung folgend, sprach sie vor – und wurde sofort zur Eröffnung eingestellt. Ihr Leben änderte sich! Von jetzt an gab es klare Verhaltensregeln für jede Situation im Kundenkontakt. Die Kleidungsvorschriften waren eindeutig und für alle gleich. Gesichtsausdruck, Stimme, Begrüßungs- und Bedienungsfloskeln wurden nahezu genormt in einer personellen Weiterbildung einstudiert. Und das Getriebe funktionierte.

Bis ein neuer Mitarbeiter auftaucht. Dieser akzeptiert keine der Regeln und bringt mit dieser umfassenden Rebellion Chaos in den Konbini und mit einem Schlag Keikos kleinen Kosmos ins Wanken. Neue Lösungen müssen her.

In ‚Die Ladenhüterin’ wird auf seltsam anrührende Weise die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die nicht der Norm entspricht und doch einen Platz für sich findet, an dem sie gut funktionieren kann. Etwas, das ihr selber vollauf genügt, ihre Umwelt jedoch nicht akzeptieren will. Keikos Verhalten hebelt traditionelle Werte wie Familie, Kinder und Karriere nahezu aus. Ihr Lebensentwurf definiert Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung neu.

Unsere westlich geprägte Sicht begehrt beim Lesen wie selbstverständlich auf. Das eigene Leben von anderen planen lassen? Sich dem Drängen zu Verabredungen oder einer Vermählung fügen? Zugleich ertappt man sich jedoch schnell bei Gedankengängen, die eben doch in vorgefertigten Bahnen verlaufen. Wie kann er oder sie, in diesem schlichten Beruf nur zufrieden sein? Glüht denn kein Funken Ehrgeiz in dieser Person? Es wäre besser, wenn er oder sie das anders angehen würde, beispielsweise würde ich an dessen Stelle…

‚Die Ladenhüterin’ besticht durch den ungewohnt kühlen Stil der ausgebreiteten Gedanken der Hauptfigur. Beobachten, anstelle von Urteilen. Handeln, ohne sich selbst dabei im Zentrum zu sehen. Ein Universum abseits von Zugehörigkeit und doch inmitten von allem. Dieser losgelöste und sehr unaufgeregte Standpunkt ist neu und fühlt sich beim Lesen daher ungemein interessant an. Er bietet eine versetzte Perspektive auch auf die eigenen Routinen und Überzeugungen. Eine Geschichte, welche die eigene Lesegewohnheit mit einem Hauch Befremdlichkeit aufbricht, die leicht und leise daherkommt, wie ein irritierender Duft, den man nicht zuordnen kann. Wer also gerade ein schmales Buch sucht, das sich als kurzes Beiseitetreten aus dem gewohnten Trott herunterschmökern lässt und einen aufschreckt, als wenn einen jemand beim Eindösen an der Schulter stupsen täte, dem sei ‚Die Ladenhüterin’ ans Herz gelegt. [Britta]

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