Zum Shop

Der Wolkenkratzerthron

Autor: Tom Pollock

Genre: Fantasy und Jugendbuch

Verlag: Ueberreuter Verlag

Preis: 16.95 € €

ab 14 Jahren

ISBN 978-3-7641-7007-3

Romane, die in London spielen, lese ich ausgesprochen gerne. Nicht zuletzt darum haben mich sowohl Niemalsland (N. Gaiman), ‚Lycidas‘ (C. Marzi) als auch Die Flüsse von London (B. Aaronovitch) so begeistert. Tom Pollocks Wolkenkratzerthron muss sich also an großen Werken messen lassen und schneidet dabei ziemlich gut ab!

London, irgendwann in der Jetztzeit. Beth Bradley ist eine junge Graffiti-Künstlerin, die in der Schule immer wieder aneckt und regelmäßig Ärger mit der Schulleitung hat. Ihre beste Freundin Pen verpfeifft sie anscheinend nach einer nächtlichen Spray-Aktion auf dem Pausenhof und Beth fliegt von der Schule. Da Beth nach dem Tod ihrer Mutter auch zu Hause nichts mehr hält, wo ihr Vater in Selbstmitleid und stumpfe Apathie verfallen ist, reißt sie von dort aus und sucht Zuflucht in den dunklen Gassen der Metropole Londons. Sie kennt sich in den eher düsteren Ecken der Stadt gut aus, da sie dort oft für nächtliche Graffiti-Aktionen unterwegs war. An einem alten Gleisbahnhof trifft sie auf einen merkwürdigen obdachlosen Jungen, der sich Filius Viae nennt und angeblich der Kronprinz der Stadt London ist. Er braucht ihre Hilfe, denn der uralte Feind der Stadt wird sich in Kürze im Schatten von St Pauls Cathedral erheben: Reach, der Krangott. Krieg liegt in der Luft und Beth und Fill müssen versuchen, Verbündete für ihren Kampf gegen Reach zu finden. Während das bizarre Straßenvolk noch auf die Rückkehr der Göttin Mater Viae, Fills Mutter, wartet, die Reach bereits im 17-ten Jahrhundert einmal durch eine Feuersbrunst besiegt hatte, läuft ihnen die Zeit davon.

Zuggeister auf abgestellten Gleisen, die nur noch Erinnerungen an Fahrgäste transportieren, Figuren aus Glas und Licht, die sich mittels Licht-Flackern verständigen und bei Regen zu erlöschen drohen, Spiegelherren, steinerne Priester und Stahlwölfe sind nur einige der ungewöhnlichen Schöpfungen, die Tom Pollock uns präsentiert. Beth und Fill müssen nicht nur den Krangott besiegen. Auf Beth wartet eine weitere Aufgabe: Pen schwebt in Lebensgefahr. Die Stacheldraht-Schergin des Krangottes hat sie gefangengenommen und frisst sich wie ein Parasit in ihren Körper…

Im Wolkenkratzerthron wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Wechselt die Geschichte zu Fills Sicht, ändern sich Tonfall und Vokabular. Als Leser wird man gerade zu Beginn des Romans mit vielen spezifischen, manchmal sperrigen, Vokabeln aus Fills Welt konfrontiert, die man noch gar nicht einordnen kann und die sich erst nach und nach erschließen. Die Motivationen vieler Figuren sind sehr undurchschaubar. Was hat es mit „Gossenglas“ auf sich, dem Schutzgeist, der sich aus Müll materialisiert und für Fill sowohl Mentor als auch Mutterersatz ist? Welche Pläne verfolgt die „Chemische Synode“, eine Art allmächtiger Mafia-Clan, dem man besser keinen Gefallen schuldig bleibt? Und warum kehrt die Göttin Londons, Mater Viae, offensichtlich nicht zurück, obwohl ihre Hilfe dringender denn je benötigt wird? Beth muss zu einem Teil der Stadt werden, um sie retten zu können.

Düster, zeitweise brutal und sehr rasant – der Wolkenkratzerthron ist im wahrsten Sinne des Wortes urbane Fantasy. Fillius schwitzt Benzin, seine Haut ist asphaltgrau, beim Laufen zieht er aus dem Fundament der Stadt seine beinahe unmenschliche Energie. Wer vor einer sehr abgefahrenen Urban-Fantasy-Story keine Angst hat, sollte beim ‚Wolkenkratzerthron‘ zugreifen. [Mercedes]

Mehr Buchtipps von Mercedes Töller