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Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen

Autor: Susan Juby

Genre: Jugendbuch

Verlag: cbj Verlag

Preis: 16.99 € €

ab 12 Jahren

ISBN 978-3-570-15998-9

Die elften Klassen der ‚Green-Pastures-Akademie für Kunst und angewandtes Design’ sind dazu aufgefordert, in diesem Schuljahr selbst erwählte Projektarbeiten anzugehen. Drei Monate lang heißt es für Normandy und ihre beiden besten Freunde Dusk und Neil somit, ihre Kreativität auszureizen. Während Dusk sich auf die Umsetzung einer Kleinst-Installation mit selbst präparierten Spitzmäusen stürzt und Neil im Farbenrausch seiner Frauengemälde in Öl versinkt, entscheidet Normandy sich für ein Essay-Projekt. Sie wird jede Woche in Wörtern einfangen und sich im Formulieren üben. Sie richtet die Wortschöpfungen an ihre Lehrerin für kreatives Schreiben.

Die Sache mit der Wahrheitskommission kommt ihr gerade recht, um beim Schreiben einen Roten Faden zu verfolgen. Die Idee zur Kommission kam ihnen am ersten Tag des neuen Schuljahres, als sie wieder zu dritt auf dem Schulgelände herumlungerten und darüber rätselten, ob eine ihrer Mitschülerinnen über die Ferien was an sich machen lassen habe. Betrachteten sie das Ergebnis einer Schönheits-OP oder fielen sie einer optischen Täuschung zum Opfer, die sich aus der Lederweste ergab? Denn diese Art der Selbstdarstellung wäre an der eher weltfremden Kunstakademie ungewöhnlich gewesen. Und so ist es Neil, der als erster zu einer Mitschülerin geht und sie anspricht, um sie schlicht nach der Wahrheit zu fragen. Immerhin konnte man ja davon ausgehen, jemandem etwas Gutes zu tun, wenn Leute sich Dinge von der Seele sprechen durften. Oder wenn sie sich, mit einer klaren Fragestellung konfrontiert, ihrer eigenen Unentschlossenheit entledigen würden. Nicht wahr?

Die Suche der drei Teenager nach den Wahrheiten ihrer Mitmenschen wird zu einem Abenteuer mit Eigenmoment. Denn wo die erste Befragte sich noch von der Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlt, fühlen die folgenden Opfer sich längst nicht mehr so wohl damit, die Neugier der selbsternannten Weißen Ritter zu befriedigen. Und dann gibt es da ja noch den Anspruch nach Versöhnung, den man dem Streben nach aufrichtigen Antworten besser hinzufügen sollte. Schließlich ist nicht jede Wahrheit bequem – oder auch nur ansatzweise für die Öffentlichkeit geeignet.
Normandy als Ich-Erzählerin ist eine aufgeweckte Schreiberin, der man sowohl Schaffenstalent und Intelligenz, als auch Gutherzigkeit und die typischen gelangweilten Unsicherheiten einer Heranwachsenden anmerkt. Die Akademie wird als behütender Schutzraum deutlich, in dem die Kinder privilegierte Möglichkeiten der Entfaltung erleben dürfen. Normandy bewundert ihre Mitschüler und weiß, dass ihre Fähigkeiten nicht mit deren künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten mithalten können, was durch die ständigen Vergleiche mit dem Genie ihrer älteren Schwester unterstrichen wird. Sie beobachtet, ohne im Gegenzug wahrgenommen zu werden. Doch mit jeder weiteren Seite der Geschichte wird dem Leser deutlich, dass eigentlich Normandy im Zentrum steht, auch wenn sie das selber nicht erkennt. Es sind die unangenehmen Zustände im eigenen Elternhaus, die sie daran hindern, ihr Potential zu entfalten. Umstände, die darin wurzeln, dass blindes Leugnen mit freundlicher Uneigennützigkeit verwechselt und die Bedürfnisse einer Person über die einer anderen gestellt werden.

‚Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen’ ist ein Jugendroman außerhalb der Klischees. Was gut ist. Denn manchmal muss ein Jugendlicher aufbegehren, um emotionale Wunden verarbeiten und einen eigenen Weg beginnen zu können. [Britta]

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